20.07.2018 | Der Deutschunterricht der Oberstufe hält neben der Pflichtlektüre „Faust“ auch moderne Literatur für die SchülerInnen bereit, mit welcher sie sich auseinandersetzen und Analysefertigkeiten anwenden sollen. Um den Unterricht sozusagen auf den Kopf zu stellen, hat am Balthasar-Neumann-Gymnasium das Projekt „Literaturtag“ vor 10 Jahren begonnen, denn hier interpretieren nicht die Lehrer, hier interpretieren die Schüler zeitgenössische Werke.

Das Konzept ist schnell erklärt: Vier SchülerInnen eines Deutschkurses besprechen nach dem Vorbild des „Literarischen Quartetts“ ein selbst gewähltes Buch und tauschen so eigene Gedanken und Interpretationsansätze aus, zuweilen auch unter Einbezug von Fragen und Meinungen der restlichen SchülerInnen bzw. Zuschauer. Pausen laden zur Vertiefung ein oder auch zu Kaffee und Kuchen. Melissa Hefter, Marcel Friedrich, Daniel Schieser und Marius Lurz machten in diesem Jahr mit „Drift“ von Anne Kuhlmeyer den Anfang und erhitzten sich beispielsweise bei der Frage, ob das Werk überhaupt, wie ausgewiesen, einen Krimi darstelle.

Lorenz Deckert, Anna Schwarzkopf, Emelie Fünkner und Joshua Redelbach waren sich über den Appell-Charakter des Buches von Martin Schäuble „Die  Scanner“ einig, worin eine negative Zukunftsvision behandelt wird. Dave Eggers vielfach ausgezeichnete und mit Emma Watson als Hauptdarstellerin verfilmte Dystopie „The Circle“ fanden Roman Heinrich, Tabea Fritz, Franziska Deubert und Lukas Väth nur bedingt empfehlenswert, zumal die Handlung nicht recht in Gang komme. Den Höhepunkt der Veranstaltung stellte auch am 10. Literaturtag die Besprechung des letzten Werkes dar, weil hier traditionell der entsprechende Autor eingeladen wird. Dmitrij Kapitelmann zeigte sich den SchülerInnen gegenüber ohne Berührungsängste und bot sofort das „Du“ an, womit das literarische Quartett Julia Väth, Sophia Zinßer, Kilian Beutel und Leon Dyroff allerdings nicht so einfach zurecht kam. Das „Sie“ rutschte häufiger bei den Fragen heraus, was den Autor aber nicht davon abhalten konnte, frei und offen zu erläutern, weshalb er „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ geschrieben hatte: Sein Vater war ihm unsichtbar vorgekommen, da dieser sich schwer getan hatte, sich nach dem Verlassen der Ukraine  in den 90ern in Deutschland heimisch zu fühlen.

Auch die jüdische Identität hätte für den Vater zumindest aus religiöser Sicht keine Rolle gespielt. Daher unternahmen beide eine Reise nach Israel, was die Grundlage für das Buch ist. „Im Nachhinein schreiben die Medien, es sei ein Buch über jüdische Identitäten, ein Buch über Einwanderer; eigentlich wollte ich das Buch schreiben, um meinen Vater zu verstehen, um ihn zu aktivieren“, so der Autor auf Nachfrage. „In Israel ist er sichtbar geworden, er ist aufgeblüht, vielleicht aber auch einfach, weil er Urlaub hatte“, ergänzte Kapitelmann scherzhaft. Es ist ein persönliches Werk, es steckt aber auch viel Politik darin, denn Kapitelmann besuchte auf der Reise beispielsweise auch palästinensische Siedlungen, allerdings ohne den Vater. Die Ansichten über den Nahostkonflikt lägen hier zu weit auseinander, erklärte der Autor. Er plädierte für einen fairen, uneingenommenen Blick auf die Dinge, was aus seiner Sicht vielleicht leichter falle, „weil ich keiner Kultur ganz angehörig bin“. Zum Abschluss las Dmitrij Kapitelmann aus seinem Buch vor, signierte die Lektüren der Schüler, und trug auch damit maßgeblich dazu bei, dass den SchülerInnen der Literaturtag in guter Erinnerung bleiben wird.

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